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Corona-Tagebuch

jüngster Eintrag zuoberst. Den identischen Inhalt, chronologisch geordnet, ab 2. Mai findest du hier

Auszug der Facebook-Postings bis zum 2. Mai: hier

29. Juli 2020

Am einfachsten klebe ich den Eintrag einfach hier rein, ich glaube, man versteht sofort, um was es mir hier geht?

Bonjour la Famille!! Aujourd'hui on prends gentiment la route de la Belgique pour le début de notre tournée d'été, ça va être difficile de vous tenir au courant de ou on joue, pour beaucoup de date nous devons éviter les publicités sur les réseaux.. Mais si vous êtes intéressé n'hésitez pas à nous écrire on s'arrangera pour communiquer avec vous nos lieux.. 🙂 D'ailleurs première date le 25 juillet quelque part en Belgique.. Et en attendant on vous à fait une petite vidéo souvenir de l'année passé!! Des Bisous!!

Eine Band, die sich darin gefällt, Musik aus Lateinamerika nachzuspielen, selbstverständlich gehört dazu auch die Solidarität über Aufrufe, Petitionen, was im Lichte dieses Textes ein Gschmäckle kriegt. Denn eine Tournee in Belgien, einem Land, das momentan durch Covid so stark betroffen ist, dass sie die Schraube anziehen mussten, Veranstaltungen sind bewilligungspflichtig, Kontakte müssen sich auf fünf Personen beschränken, also die Familie, weil da kommt ja man nicht drum herum… Logisch dass man da keine Werbung auf Facebook machen darf, wenn man sich berechtigt fühlt, die Bemühungen der Belgier zu unterlaufen.

Es zeichnet sich immer mehr ein Muster bei diesen Leuten ab: Solidarität ja, wenn es mit Leuten ist, die weit weg wohnen. Solidarität nein, wenn es um die Menschen aus der eigenen Umgebung geht. Da hat man allerhand Ausflüchte zur Hand. Da sei uns die individuelle Freiheit vor.

Ich hätte so ein Verhalten niemals vorher sagen können, nie erwartet.

Sie sind nur ein typisches Beispiel unter so vielen. Es wird schwierig , diese Petitionskultur noch ernst zu nehmen. Sie haben halt das Herz auf dem rechten Fleck, im wahrsten Sinne des Wortes. Und merken es natürlich nicht.

Am selben Tag meldet das Bundesamt für Gesundheit die Zahl der Neuinfektionen der letzten 24 Stunden bei ganz knapp unter 200. Eine weitere Schwelle ist damit ja wohl überschritten.

Unruhe macht sich breit in der Szene… nein, natürlich nicht, ich sehe keinen Kommentar. Es ist Alltag geworden, jeder hat seinen Platz im Coronatheater schon vor längerer Zeit gefunden. Da hat die Verdreifachung gegenüber einem guten Tag vor rund zwei Wochen, der hingegen in Kommentaren gefeiert wurde als „also machen wir doch einiges richtig“ seitens Veranstalter JobsZuerst, überhaupt keinen Einfluss. Wenn sie denn überhaupt zur Kenntnis genommen wurde. Denn auch ich bin es müde, immer wieder mit der Verbreitung von schlechten Nachrichten auf eine Verhaltensänderung hinzuarbeiten. Daran glaube ich nicht mehr. Es muss zuerst wieder etwas passieren.

25. Juli 2020

Zahlen, Ansteckungszahlen, Ansteckungsfaktor R, man mag einfach nicht mehr. Man weiss, es wird dauern. Man muss sich einrichten. Wie wird es gemacht?

Die paar, die mit Masken rumlaufen, die korrekt sitzen, fallen auf wie rosa Elefanten. Und wenn sie die Maske dann noch auf der Strasse tragen, sozusagen ohne Anlass, dann ist das schon ein Hingucker.

Im Umland gehen die Zahlen rauf. Schweizer dürfen nicht mehr einfach so nach Finnland reisen, beispielsweise. Ich glaube kaum, dass das jemand zur Kenntnis genommen hat. Österreich hat wieder eine Maskenpflicht eingeführt in Supermärkten, Postämtern - ach, ich mag mich da gar nicht mehr im Detail à jour halten. Wozu auch?

Denn viele meiner Facebook-Freunde haben sich sang- und klanglos verabschiedet, sie sind seit Wochen, seit Monaten nicht mehr dort anzutreffen. Einer hat mir heute gesagt, er gehe da nicht mehr drauf, und es war ihm azuhören, dass er die Konfrontation mit den schlechten Nachrichten einfach nicht mehr braucht.

Umarmungen in einem schockierenden Ausmass auf offener Strasse, ganze Gruppen, als ob sie eine Reaktion der Füdlibürger provozieren wollten. Denn so ignorant kann man doch nicht sein?

Ich selber habe eingesehen, es ist nichts zu wollen mit diesen Leuten. Das hat mir ja ganz zu Anfang der Corona-Krise eine Freundin prophezeit, die seit Jahrzehnten in der Entwicklungszusammenarbeit im Ausland arbeitet. Ich habe das hier schon erwähnt, weil es so eindrücklich war. „Vergiss diese Schweizer, die Änderung wird von woanders her kommen“. Was ja genau meine Befürchtung ist. Denn dann ist die Situation natürlich nicht mehr … fast hätte ich kontrollierbar geschrieben… dann befinden sich diese Ignoranten in der Rolle der Getriebenen. Man kann bloss abwarten und zuschauen, auf ein ab und zu interessantes Gespräch hoffen in einer geistigen Wüste, so empfinde ich das.

Kaum schreibt man es auf, auch ich mag einfach fast nicht mehr, dann wird es einfach nur grotesk, das Ausmass an Borniertheit. Mannomann….

8. Juli 2020

Die Schweiz trägt Masken. Wie der Mann im Asialaden richtig feststellte: Wenn die Regierung sagt, was zu tun ist, dann befolgen das die Schweizer. Habe das auch von Freunden gehört, die das von ihrer Seite bestätigen.

Am Wochenende schockiert eine Meldung in der Sonntagspresse: Die Black Live Matters Demos vom Samstag haben noch 150 in Zürich, 30 in Lausanne zusammen gebracht, gegenüber 10'000 und 1'000. Pop Politik ist das doch? Mein Posting zum Thema ist natürlich auf Missfallen gestossen. Ich habe die Gelegenheit genützt, wieder für Beiträge für Ärzte Ohne Grenzen zu werden. Auch das stösst auf Zustimmung = 0. Den Grund verstehe ich nicht so richtig. Ich vermute mal positives, es hat mit Diskretion zu tun.

Natürlich höre ich auch von Parties in der Szene, die sogar von Teilnehmern als überbordend bezeichnet werden. Ein Kollege postet die Infektionszahlen in der Region, diese können nun pro Dorf eingesehen werden. Es sind nur Vereinzelte. Aber was mich doch erstaunt, es sind einige Dörfer dabei. Aus der Stadt sind es im Verhältnis zur Einwohnerzahl wenige. Was natürlich angesichts der eingegangenen Risiken kaum so bleiben kann.

Vor einigen Tagen hat als Gegensatz dazu der Humbug Klub in Basel seine Richtlinien für Veranstaltungen gepostet, das könnte ein Weg sein. Allerdings ist der Klub gross, hat einen grossen Vorplatz und hohe Räume. Dennoch: Es scheint Möglichkeiten zu geben. Dort würde ich jederzeit auftreten.

1. Juli 2020

Man darf wohl mit Fug von einem breiten Stimmungswandel reden. Plötzlich posten alle Selfies, wo sie im ÖV mit Masken abgebildet sind, outen sich offensiv als Maskenträger und fahren den Gesichtsnackten an den Karren, einer trägt zum Beispiel ein Schild um den Hals, wo er den Maskenlosen den Zutritt zu seinem Abteil verwehrt.

Die Server des TagesAnzeigers sind offenbar überlastet, schon seit heute morgen kann ich Artikel nur noch sporadisch öffnen. Das mag daran liegen, dass man auf das Maskenobligatiorium wartet, heute Mittag ist es möglicherweise verkündet worden, wahrscheinlich nur für die ÖV. Der Flamingo Klub in Zürich wurde durch eine superprovisorische Verfügung bis Montag geschlossen, von dort wurde ja von einem Superspreader berichtet, der am Wochenende zu Gast war. Entscheidend war, dass der Klub fahrlässig mit dem Contact Tracing umging, ich glaube es ist ein Drittel der Besucher, die nicht erreichbar sind. Falsche oder gar keine Adressen angegeben haben.

Aus Olten wird heute von einem anderen Fall berichtet, 300 Personen sollen nun in Quarantäne. In einer Kleinstadt wie Olten ist das ziemlich viel, finde ich.

Angebote für Masken poppen auf, allen ist gemeinsam, dass Wirksamkeit und Haltbarkeit schwer einzuschätzen sind. Die Preise beginnen bei 20 Franken, ein Angebot, welches mir ausreichend beschrieben schien, nennt 30. Dort steht auch, etwas verklausuliert zwar, dass ihre Wirksamkeit keine medizinische ist, keine FFPx. Es werden immer haufenweise Zertifikate genannt, aber mit Formulierungen wie „entspricht blabla“ oder „nach blabla“… Was doch eigentlich heisst wie „wie blabla“, aber nicht „blabla“.

28. Juni 2020

In Zürich gibt es einen Superspreader, 300 Clubbesucher müssen in Quarantäne. „Müssen“ heisst, sie werden kontaktiert.

In einem „Leserbrief“ an mich beklagt sich eine Freundin, dass sie von Freunden in der Nachbarschaft verspottet wird, weil sie und ihre Familien, beide Eltern Risikopatienten, also mit Vorerkrankungen, die eine Infektion so richtig gefährlich werden lassen, immer noch nicht mitmachen bei den Parties, die scheints so richtig häufig und intensiv nun stattfinden in ihrem Umfeld. Ja, wie man sieht, gibt es Menschen, die können es sich nicht leisten, ihre Meinung, ihre Gedanken in dieser Zeit zu posten. Wenn ich bedenke was ich jetzt erlebe kann ich es sehr gut verstehen. Immerhin geniesse ich die neuen Kommaregeln hehehe.

Die Ansteckungsrate in Serbien ist so hoch, dass eine Einreisesperre erwogen wird.

27. Juni 2020

Schon ist wieder ein Eintrag fällig, das ist gar kein gutes Zeichen. Ich habe den Eindruck, die Dinge spitzen sich nun zu. Gestern diese schöngeistige Veranstaltung in einer lockeren Athmosphäre, eben ohne Maske, als wäre Corona nie gewesen.

Ich muss endlich wieder Sesamöl einkaufen, im Asienladen das Personal mit Gesichtsmasken, und zwar seriös verhüllt, nicht irgendwie um das Gesicht baumelnd. Der Inhaber auf eine Bemerkung von mir: Ja, die Schweizer sind wahnsinnig staatsgläubig. Wenn der Staat sagt, es ist alles wieder gut, dann glauben die das auch.

Und mir fällt dazu meine „Theorie“ ein: Die Leute lassen sich nicht durch Ansichten, Ideologien überzeugen. Nein, diese finden die Leute, die dafür disponiert sind. Ansichten, Ideologien sind Charaktersache. Und die Sauglattisten lassen sich noch so gerne sagen, man dürfe wieder raus und verstehen es grad extra noch falsch, nämlich es sei vorbei und alles wieder erlaubt, wie vorher. So handeln sie nämlich.

Heute postet mir einer auf meine Kritik zum Literaturkaffee zuerst einen Kommentar, wenn ich Angst habe, so sei dies meine Sache. Und dann später noch einen Link zu einem Artikel des pensionierten Professors Beda M. Stadler, wo dieser sich als einziger Checker darstellt, alle anderen hätten unrecht.

https://www.new-swiss-journal.com/post/schweizer-professor-erkl%C3%A4rt-warum-bei-corona-alle-falsch-lagen-und-immer-noch-falsch-liegen

Die Webseite nennt sich „Der rechte Blick“… und enthält haufenweise Verschwörungstheorien, Lügen- und Systempresse-Vorwürfe. Stadler in diesem Umfeld mit diesen Aussagen? Das umgedrehte Geisterfahrer-Syndrom („da kommen mir haufenweise Falschfahrer entgegen“).

Dann muss ich über ein Konzert nachdenken, vereinbart noch im Dezember, im August soll es stattfinden. So eine Art Kommune-im-Bauernhaus-Hausparty. Ein SMS erreicht mich: wenn du es dir vorher anschauen willst, am 4.7. haben wir schon eine Party, es spielen drei Bands.

Soll ich mich wirklich entblöden und nach einem Sicherheitskonzept fragen? Angesichts einer zunehmend sorglosen Bevölkerung? Es findet im solothurnischen statt, wo bisher noch kaum Ansteckungen zu verzeichnen waren. Nach den Sommerferien, wenn die Leute aus dem Ausland heimkehren.

Absagen wäre für mich einschneidend. Denn wenn ich das nicht mache, kann ich dann überhaupt noch auftreten bis zur Impfung? Denn besser wird es nirgends sein, so wie es ausschaut. Kommt noch das Problem der Logistik hinzu. Es ist nicht bloss das Spielen, die Party nachher, das kann man sich ja einrichten. Aber das Einladen, Hinfahren, Ausladen, Soundcheck, Abbauen, Einladen, Heimfahren? Alles potientiell gefährlich.

Und das Schlimme ist, wer sich heute noch solche Überlegungen macht, hat schon verloren.

26. Juni 2020

Zufälligerweise im Facebook eine Veranstaltung in Genf auf Bildern gesehen, bei Urgence Disque läuft der traditionelle Apero, wahrscheinlich spielt auch eine Band. Alle jeglichen Alters brav mit der Maske. Und dann sehe ich eine liebliche Veranstaltung im Bieler Café Litéraire, ein altes Kellergewölbe, altstadtmässig relativ eng. Auch ganz normal eng bestuhlt. Ein Trio auf der Bühne ist am fein empfinden. Die Kamera schwenkt zum Mischpult, zwei Personen, frei das Gesicht. Das Publikum ist weitgehend von hinten im Bild, aber dort wo mal ein Gesicht erscheint die selbe Nacktheit im Gesicht.

Ja, da kann ich das nur so sarkastisch formulieren, wenn Innen und Aussen so auseinander fallen.

Ich kann mich der Verwünschungen nicht enthalten, zu Hause auf meinem Futon auf dem Balkon. Habe sogar einen Kommentar hinterlassen, ziemlich unverblümt, das habe ich so noch nie gemacht. Es ist der Mut der Verzweiflung, weil so keine gemeinsame Basis vorhanden ist.

25. Juni 2020

Für die Corono-App taugt mein uralt Handy nicht mehr. Das macht aber nichts, ich habe sowieso festgestellt, dass ich damit auf dem Land, sogar in der nächsten Kleinstadt nicht mehr telefonieren kann. Habe drum ein billiges Smartphone gekauft, um sie installieren zu können.

Die Kantonsärzte warnen heute vor einer Zunahme wegen Reisen ins Ausland. «Infektionsherde haben wir bisher geortet an Arbeitsorten, an Privatfesten sowie auch unter Jugendlichen, die zum Beispiel am See sitzen und aus der gleichen Flasche trinken, aber auch bei Reiserückkehrern.»

Gestern mit Freunden lange gesprochen, Bauern im Seeland, sie haben ein Camping. Endlich mal jemand mit Vernunft. Strikte Abstandsregelungen, Reduktion und Umbau der Gemeinschaftsräume. Wer nicht angemeldet ist, hat keinen Zutritt. Besucher werden weggewiesen. Das Tracking muss gewährleistet bleiben. Es soll schon Szenen gegeben haben, „ich bin Arzt“, echt. Die Gäste aber, alle seit langen Jahren Kunden, sind heilfroh, dass sie endlich wieder kommen können. Platzzahl wurde reduziert. Es können nicht mehr alle aufgenommen werden.

Sie berichten auch von Agressionen, denen sie ausgesetzt sind, beim Einkaufen mit Maske beispielsweise.

Hier indes geht alles seinen gewohnten Gang. Die Altstadt belebt wie eh und je. Man kann ja draussen sitzen. Konzerte finden wieder statt. Freunde posten Verschwörungstheorien: Kein Impfzwang (als hätte das jemand je verlangt), sie verlangen in einer Petition Garantie, dass man keinen Chip eingepflanzt bekommt. Ansonsten vernünftige Menschen drehen durch.

Die Gesellschaft ist nun erfolgreich gespalten. Dazu haben alle selber beigetragen. Das bedeutet konkret, dass die Verbesserungen für das Gesundheitspersonal nicht mal mehr erwähnt werden, nachdem man ihnen im März/April noch auf den Knien gedankt hat. Das Schicksal dieser damals so bewunderten, gelobten, gar besungenen Gruppe (https://youtu.be/cbnWjFmbtxI) sollte doch ein Lehrstück sein… Es bedeutet, dass die Unterstützungen auslaufen. Das wird bedeuten, dass die Kurzarbeit auslaufen wird. Das bedeutet, dass man die Gruppen nacheinander ihrem Schicksal überlassen wird. Es ist ja jetzt einfach, jede ist für sich, sie lassen sich schön getrennt, jede zu ihrer Zeit, erledigen. Und der politische Wille dazu ist da, man hört das immer wieder aus Bern. „Corona zum Vorwand nehmen um jetzt dies und das alte Anliegen durchzubringen? Kommt nicht in Frage.“ So tönen sie. Ganz ungeniert. Wie wollen die gespaltenen Corona-Verlierer, also 95% der Bevölkerung, so eine Lobby aufbauen? Die Hilflosigkeit der Unterhaltungsbranche spricht Bände, das Betteln um Aufmerksamkeit. Es bedeutet weiter: Arbeitslosigkeit für die Versicherten, Sozialfürsorge für die anderen. Dann erzwungene Berufswechsel für das Personal der Unterhaltungsindustrie, die ja häufig nicht versichert sind.

Man muss sich wieder vor Augen führen: Es kam der Zusammenbruch Anfangs März, Lockdown, die Erkenntnis, dass man durch die Profiteure der Wirtschaft betrogen worden war, Milliarden statt in die Infrastruktur in private Taschen geflossen waren. Aber statt den Moment auszunützen, dem Kapitalismus auf die Pelle zu rücken, wurde die Infektion zuerst verniedlicht (hallo Kurator Li, hallo Veranstalter JobsZuerst, hallo Poster AllesLüge). Dann, als die Realität des Lockdowns langsam einsickerte, wurde dessen möglichst sofortige Aufhebung verlangt. In dieser Phase teilten und posteten Kurator Li, Veranstalter JobsZuerst, Poster AllesLüge munter Artikel der rechten und Wirtschaftspresse, die unter dem allzu durchsichtigen Vorwand „die Armen der Welt leiden unter dem Lockdown“ diesen bekämpften.

Ich bezeichne diese Leute seither als Political Fluids.

Nun wird ihren Forderungen so weit wie es überhaupt geht entsprochen. Zu weit gehend, sagen viele. Das Publikum ist unterdessen der Meinung, die Gefahr sei vorbei. Verhält sich entsprechend. Was wird passieren?

Eine Prognose ist möglich.

Die Ansteckungen werden zunehmen. Das ist offiziell, das geben alle zu, nehmen es aber in Kauf. Und dann?

Leute werden in Quarantäne geschickt. Hotspots werden ausgemacht. Diese werden vorläufig schliessen müssen, nehme ich wenigstens an. Oder aber die Kunden reagieren, nehmen ab, bleiben vielleicht aus. Die Konsequenzen sind bekannt. Die Politik hat jetzt schon deutlich gemacht, dass sie gewisse Sektoren vernachlässigen wird, ihnen keine Unterstützung zukommen lassen wird. Noch mehr Menschen rutschen ab.

Übrigens gibt es schon diffuse Jugendrevolten, in Stuttgart etwa, 500 Jugendliche ziehen in einem Saubannerzug durch die Stadt. Und heute wird bekannt, dass grosse Medienhäuser ihre auf Jugendliche zurecht geschnittenen Angebote ratzfatz streichen. Es ist damit kein Geld mehr zu verdienen. Also wird auch von dieser Seite ein Einbruch des Konsums kommen, nachdem schon die Alten, die „Risikogeneration“ per se als Kunden ausgeschlossen worden sind.

Kurz: Es rächt sich nun, dass man zu Anfang verängstigt geschwiegen hat, keine Gegenkraft aufbauen konnte, als das noch möglich war, als die Leute noch geklatscht haben, Solidarität gezeigt haben. Alles hat sich zerstreut. Alles ist wie vorher, nur viel schlimmer, weil in einer wirtschaftlichen Krise, die ihr Ausmass erst im Herbst, oder bei Auslaufen der Kurzarbeit dann endgültig, zeigen wird.

Von den Armen, deretwegen Kurator Li, Veranstalter JobsZuerst den Lockdown weg haben wollten, spricht niemand mehr.

Von den Flüchtlingen, die in ihrem massloss überbesetzten Camp in Griechenland eingeschlossen sind, bewacht von Polizei und Armee, hört man nichts mehr, das Wetter hier ist schön, man sitzt draussen. Dort aber finden Gruppenkämpfe zwischen Ethnien statt, es herrscht die nackte Gewalt, Frauen tragen nachts Windeln.

Damit sie nicht raus müssen, auf die Toilette.

23. Juni 2020

Gestern „Night Of Light“, Kulturinstitutionen beleuchten ihre Gebäude rot. Die Kommentare unter den Artikeln in der Boulevardpresse sind vom üblichen Niveau, geht arbeiten, get a job, Kultur brauchen wir nicht etc. Es wird sich nun zeigen, wie das Kräfteverhältnis wirklich ist in der Schweiz. Meine Einschätzung ist, dass die Politik wenig Mitleid zeigen wird und vor allem das Mittelfeld auf Rettung lange warten kann. Den Grossen wird man helfen, die Kleinen können auch unter schlechten Bedingungen weiter machen, weil sie eh schon ohne viel Geld in Selbstausbeutung gearbeitet haben. Die dazwischen sind in einer problematischen Situation.

Ich denke, der Umgang mit diesen wird zeigen, wie erfolgreich die Strategie war. Die Strategie, auf schnelle Wiedereröffnung zu pochen; die Strategie, den Lockdown so lange wie möglich abwenden zu wollen, indem man mit Schlaumeierei durchzukommen hoffte. Diese bestand vor allem darin, dass man plakatierte, wir haben geöffnet, aber Teilnahme auf eigenes Risiko, Leute mit Symptomen bitte zu Hause bleiben, Risikogruppe bitte zu Hause bleiben oder sich die Teilnahme gut überlegen. Ich bin ja nicht mehr raus, es wurde mir aber von sorglosem Verhalten berichtet, Umarmungen grad absichtlich fest, Spott über die Paranoia usw. Steht ja alles hier, glaube ich, weiter hinten.

Von Kurator Li schon gar nicht zu reden, der der natürlichen Auslese das Wort redete.

Ich habe mich seinerzeit gegen diese Schlaumeierei gewehrt, schon fast gebettelt. Mit dem Resultat, dass ich mich richtiggehend anfeinden lassen musste, schreiend (viele Ausrufezeichen, Grossbuchstaben). Ich täte mich gegen die kleinen Veranstalter richten… Dabei bin ich ja auch unmittelbar betroffen, ohne Publikum finde ich einfach nicht statt, kann ich gar nicht auftreten, als Entertainer. Eine einzige Bar hat von sich aus geschlossen, bevor sie dazu gezwungen wurde. Diese ist auch heute noch zu, weil unter den bundesrätlichen Bestimmung ein kostendeckender Betrieb nicht möglich sei.

In der Altstadt, das Zentrum meiner Szene, merkt man heute von Vorsicht rein gar nichts. Am Sonntag habe ich mich auf eine Terrasse gesetzt, es war früh, sie war noch leer. Ich besetze den Stuhl neben mir vorsichtshalber mit meinem Rucksack. Der Kellner, ein Freund, serviert mir den Kaffee. Statt dass er einen Sicherheitsabstand einhält, beugt er sich von rechts quasi über mich und stellt ihn vor mich hin. Wie früher halt.

Maske trägt er natürlich keine.

Eine Freundin ist aus dem Ausland zurück gekommen, nach dreiwöchiger Abwesenheit. Ich habe mit ihr ein Treffen vereinbart, es ist zu happig, dies mit meinem uralt Handy zu besprechen, die Tonqualität zu mies dafür. Es wird sicher aufschlussreich sein, ihre Eindrücke von der Rückkehr in ein total verändertes Land zu hören. Zu hören, wie es anderorts ist.

Ich habe mich entschlossen, mich auf ein Smartphon einzulassen, um dann die Corona-App zu installieren. Informationen darüber, welche Geräte tauglich sind, habe ich auf Anhieb keine gefunden, denn für mich kommt maximal ein Billigphon in Frage. Mehrere 100 Franken für eine Massnahme, die von der Bevölkerung offenbar sowieso nur schwer angenommen und dadurch entwertet wird, kommen sicher nicht in Frage.

Auch die Situation mit den Masken ist reichlich bizarr. Man könnte meinen, der Bund würde sich mal um eine Verteilung, eine Bestellmöglichkeit kümmern. Nichts zu sehen. Es bleibt uns überlassen, einen vertrauenswürdigen Lieferanten zu finden. Es ist ja auch eine Geldfrage. 50 Franken für 50 4-Stunden-Masken sind bereits Lidl-Niveau, höre ich. Ich lese Preise von 9, 12, 16 Franken pro Maske. Wohl abwaschbar, aber doch sehr begrenzt haltbar.

Am 1. Juni habe ich bemerkt, man höre so gar nichts mehr von den Flüchtlingen. Heute kam wieder was in den Nachrichten, die Situation sei bedrohlich, sie seien in Griechenland quasi kaserniert. Auf dass sie sich bloss gegenseitig anstecken. Niemand darf rein, niemand raus.

Ich erinnere mich an den spanischen Horrorfilm Rec, wo ein ganzes Haus unter Quarantäne gestellt wird, die Armee blockt es ab. Das haben wir jetzt. Dort, aber auch in Deutschland, wo offenbar ganze Hochhäuser oder Quartiere eingeschlossen werden. Bilder im Internet einer Bevölkerung hinter Zäunen, bewacht von Polizei. Grotesk, aber wahr.

https://www.youtube.com/watch?v=WokdueTg93E

Ich habe vor etwa sieben Wochen in Facebook eine Gruppe gegründet, um die Petitionen zu sammeln. Drei Wochen lang im Mai mehrere Einträge täglich. Und dann plötzlich Ruhe, kaum mehr was. https://www.facebook.com/groups/674625593365419/. Dies betrifft natürlich nur meine Timeline und ist in keiner Weise repräsentativ. Aber mein Eindruck wurde auch schon gesprächshalber bestätigt, scheint doch was dran zu sein.

Meine mehrfachen Aufrufe, für Médecins Sans Frontières zu spenden, als Einwohner des reichsten Landes der Welt kann sich das einfach jeder leisten, hat fast keine Resonanz gefunden, ich komme mir schon blöd vor.

Während des Lockdowns habe ich abgenommen, weil das Einkaufen stark eingeschränkt war. Ich glaube, es war minus 2 Kilo. Soeben wollte ich meine Shorts anziehen, es ist heiss. Warum passen die plötzlich nicht mehr? Auf die Waage - die 2 Kilo sind wieder da. Oder gar 3? Das strenge Einkaufsregime wurde halt gelockert…

14. Juni 2020

Black Lives Matter, Tausende auf den Strassen, Zeitungen, Medien, Facebook voll davon. Statuen werden gekippt, besprayt, angegriffen. Strassen und Plätze sollen umbenannt werden. Gone With The Wind, der Film, von HBO aus dem Streaming-Angebot genommen, er soll nur kontextualisiert auf den Bildschirm zurück kehren. Es wird mit Mein Kampf verglichen, dessen Veröffentlichung ohne Kommentar, ohne Kontext undenkbar wäre. Menschen knien nieder aus Scham, Respekt, Solidarität. Mohrenköpfe werden boykottiert oder grad extra direkt bei der Fabrik draussen in 50er Packungen abgeholt. Parolen und Transparente meist in englisch.

Ob aus dieser Richtung nun der Kapitalismus thematisiert wird? Ist nicht er die Ursache, Nutzniesser?

Welch ein krasser Umschwung nach der Totenstille im März, im April.

1. Juni 2020

Die Schweiz lebt wieder in einer Normalität, man könnte fast vergessen, dass die Epidemie immer noch droht. Ein Ausbruch ist natürlich jederzeit möglich, wenn bald wieder viele Menschen zusammen kommen. Aus Deutschland wird von der Eröffnungsfeier einer Beiz berichtet, die danach gleich wieder schliessen musste, 7 oder 8 Angesteckte. Ein Gottesdienst führte zu 40 Fällen einer Ansteckung.

Aber es ist alles wie ein Traum, einzig die wirtschaftliche Realität stört dieses Bild. Aber auch davon hört man verhältnismässig wenig. Warum?

Ich glaube, es könnte an den Machtverhältnissen liegen, die ja klar erkennbar unverrückbar sind, nachdem ich zu Anfang der Krise die Legitimationsprobleme sah und mir viel davon erhoffte. Nein, es besteht wohl keine Gefahr mehr, darum die Ruhe. Oben will man jetzt keine schlafenden Hunde wecken, und was von unten zu erwarten ist hat die Krise überdeutlich gezeigt.

Es war auch eine besondere Ruhe an der Flüchtlings- und Petitionsfront. Seit Wochen schon. Ich habe nur vereinzelte Postings gesichtet.

Mir kommt die Stimmung vor wie nach einer Niederlage.

25. Mai 2020

Gestern an den See gefahren, dann zu zweit in eine Bäckerei in Twann, draussen, ich wäre nicht rein gegangen, fast die einzigen Gäste, aber das mag an der Bäckerei liegen. Die Sachen mehr gedämpft als gebacken, möglichst keine Kruste, man kennt diese Unsitte.

Habe dabei erfahren, dass tatsächlich Home Gardening nun ganz ernsthaft betrieben werde, als Ausweg aus der Krise, besser gesagt als Antwort auf die Krise. Dabei fällt mir diese Aktion in Genf ein, wo auf einem Golfplatz ein Gemüsebeet eingerichtet wurde, bei Nacht und Nebel, als antikapitalistische Aktion. Man kann es fast nicht glauben, dass das dann in Facebook als Sieg gefeiert wird.

Die Blochers wirds freuen, mit so einer unwirksamen, schweigsamen Opposition haben sie bestimmt nicht gerechnet - sonst hätte ja Martullo nicht einen ganzen Monat zugewartet, bis sie den Tarif durchgegeben hat. Dort müssen jetzt täglich die Korken knallen.

Und Kurator Li, der ja zu Anfang zu den Coronaverniedlichern gehörte, Quarantäne lächerlich machte, seinen Willen zum Weiterfeiern IN GROSSBUCHSTABEN RICHTIG RAUSSCHRIE, mit klassischen Whataboutismus auftrumpfte („aber das hier ist viel schlimmer, ihr Weicheier“), und dann natürlich den klassischen Grippevergleich mehrfach vorführte, er kommt jetzt zurück in den unverdächtigen Rant gegen die Demonstranten in Bern, die, welche sich Freiheit aufs Banner geschrieben haben. Als ob das nicht die Konsequenz der anfänglichen Verniedlichung wäre… Ich kann nur staunen, aber Political Fluids sind offenbar so, mal dies, mal das, was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.

180 Likes. Nicht schlecht gegen meine durchschnittlich 4 für meine Kapitalismuskritiken.

Und so viel sagend. Ich glaube langsam ernsthaft, die werden es nicht mehr richten können, es werden ihre Kinder dann hoffentlich hoffentlich aufstehen.

Es hat geregnet, weniger Demonstranten unterwegs.

Am Radio die Beizer, nur 50% Auslastung letzte Woche. Sie wollen die Auflagen gelockert haben. Ein Meter Distanz statt wie jetzt zwei. Das würde ja bedeuten, dass sie Gäste abweisen mussten, wegen Platzmangel. Davon habe ich nichts gehört. Aber vielleicht war es ja so.

Auf Facebook hat einer das hier geteilt: https://france3-regions.francetvinfo.fr/paris-ile-de-france/paris/grand-paris/covid-19-deux-mois-apres-leur-infection-nombreux-patients-presentent-nouveaux-symptomes-1831164.html - die Krankheit, die lange währt, plötzlich wieder ausbricht, und zwar nicht nur bei der „Risikogruppe“, ah, wie ich dieses Wort hasse…. vorher hätte ich so was noch geteilt, aber es mag einfach niemand mehr, weder teilen noch lesen. Die Meinungen sind gemacht. Schon lange, wenn man es genau nimmt, denn eigentlich gibt es nur eine Meinung, das andere ist die pure Bequemlichkeit, ein „lass mich damit bloss in Ruhe“.

20. Mai 2020

Die Tage vergehen schnell, da ich damit beschäftigt bin, die Alben von De Pravda und Pull My Daisy herauszugeben. Da ist schnell mal ein Tag vorbei. Heute sind grad zwei Beiträge in Facebook, die mich im Nachhinein wieder wütend machen, zum einen eine Schauspielerin aus dem Amazonas-Gebiet, die den Europäern ein „wir glauben euch nichts mehr“ entgegenschleudert, was ich ja schon lange als Warnung gebraucht habe, „Mitgegangen ist mitgehangen“. Und ein Beitrag in der Republik, der die Jüngerschen Anwandlungen einiger Coronaskeptiker zum Thema macht - es war noch im März, als Kurator Li mit solch einem Satz glänzte, der sehr zu meiner Trauer von Freunden von mir geliked wurde.

Mehr beschäftigen mich aber die Beiträge einiger Wissenschafter im Guardian. Ich bin ziemlich sicher, dass eine zweite Welle kommen wird, die Sorglosigkeit mancher Leute muss fast zwangsläufig dazu führen, ich lese tatsächlich von Chorproben, aber noch kein Termin. Es braucht nur irgendwo in Biel solch einen Cluster mit nachträglicher Ausstrahlung…

Und zu was eine zweite Welle führen würde, ist auch schon ziemlich absehbar. Es wird keinen Lockdown geben können, zu stark ist die Opposition, von links wie von rechts, von alternativem Jöbli zu Martullo-Blocher. Das heisst, es wird ein Teil der Bevölkerung aufgegeben - allerdings ist noch unklar, ob dieser so eng abgegrenzt ist wie manche meinen. Immer mehr zeigt sich, dass die Idee von der Risikogruppe 70+ zu salopp ist.

Wenn das wirklich kommt, dann wird sich diese Gesellschaft von diesem Sündenfall nie mehr erholen. Es ist jetzt schon mehr passiert, als den Meisten wohl klar ist. Die Entscheidung für den Sauglattismus, den manche getroffen haben, hat unsere Szene sehr beschädigt; ich gehe schon heute gewissen Dumpfbacken, die einfach irgendeinen Mist geliked haben ohne gross zu überlegen aus dem Weg. Und entweder strahle ich das geradeheraus aus, was gut sein kann, oder sie haben auch keine Lust auf mich. Gut so. Aber das war mal eine Szene.

Keine Lust zu lächeln mit Political Fluids, die einen bei den ersten Anzeichen von Sturm über Bord schmeissen.


Es könnte auch harmloser ablaufen, wenn bis dahin ein Testkonzept steht, mit Eingrenzung, Quarantäne Verdächtiger - wenn ich den Artikel im Guardian hier richtig verstehe:

https://www.theguardian.com/commentisfree/2020/may/19/second-coronavirus-wave-r-number-uk-test-and-trace-mass-gatherings-travel

https://www.theguardian.com/world/2020/may/20/top-eu-doctor-europe-should-brace-itself-for-second-wave-of-coronavirus


Und dann stosse ich noch auf das: Madrid am 8. März, Tausende auf den Strassen, „Machismos kills more than Corona“. Heute ist Spanien eines der am schlimmsten infizierten Länder, mit Schwerpunkt Madrid. Das Bild, von heute aus gesehen einfach der Horror.


Aus Griechenland hört man im Moment nichts, innert drei vier Wochen aus dem Fokus verschwunden. Wäre da nicht die NZZ…

https://www.usnews.com/news/world/articles/2020-03-08/thousands-march-in-spain-on-womens-day-despite-coronavirus-fears

17. Mai 2020

Die NZZ hat das Tessin besucht und erzählt die Geschichte seines Corona. Am 11. März ist das Tessin in den Lockdown gegangen, fünf Tage später dann auch die übrige Schweiz, die gemäss dem Artikel die Tessiner nie ernst genommen hat.

In der Deutschschweiz hingegen zögerte man. Merlani erzählt von einer Konferenz mit seinen Kantonsarzt-Kollegen aus dem Rest des Landes. «Ich schrie: ‹Ihr spinned, ihr habt eine Woche Vorsprung, und ihr macht nichts. Wenn ihr jetzt nach dem handelt, was wir wissen, dann passiert bei euch nichts. Macht, baut auf, bereitet euch vor.›»Die anderen hätten gelächelt und gesagt: «Ja, ja, Giorgio, alles mit der Ruhe. Wenn es kommt, schauen wir dann schon.»

Am 22. Februar wurde eine Arbeitsgruppe mobilisiert, am 28. fand in Bellinzona die Fasnacht statt, vor der die Ärzte die Politiker gewarnt hatten - vergeblich. Sie wurde zu einem Herd der Ansteckung. Das war der Tag, wo ich selber in Quarantäne ging. Und blöd angemacht wurde von Kurator Li mit seinen menschenfeindlichen Herrenreitersprüchen. Ich kann das wohl nie vergessen… Die Screenshots sind hier gespeichert, aber nicht öffentlich, sonst würde man mir wohl noch Vorwürfe machen.

Den Artikel werde ich auch nicht teilen, es ist einfach sinnlos geworden, es gilt jetzt nur noch das wirtschaftliche Überleben, Kurator Li würde es wohl „die kleinliche Sorge um den eigenen kleinen Arbeitsplatz“ nennen, wäre er nicht auch selber in diesem Modus. Es war bei ihm ja „die kleinliche Sorge um die eigene kleine Gesundheit“…. Schon nur das Empörungspotential der Arbeitsplatzrelativierung, käme mir in den Sinn das zu posten zeigt den Wahnsinn seines Postings damals. Und niemand hat aufbegehrt. Nur ich Arschloch, als Betroffener natürlich wahnsinnig glaubwürdig.

Es ist Sonntag, es könnte schönes Wetter geben. Im persönlichen Gespräch, deren ich aber nur mit drei vier Personen habe, rechnen alle mit einer zweiten Welle. Man findet sich damit ab. Es wird dann sich weisen, ob unsere Gesellschaft nun doch dem Geld Menschenopfer bringen wird, auf das läuft es halt hinaus, da kann man noch so schön reden. Ich werde gleich wieder zornig. Weil ich halt an die Kritik am Kleinbürger denke, die wir immer gemacht haben.

https://www.nzz.ch/gesellschaft/wie-corona-das-tessin-an-den-rand-einer-katastrophe-brachte-und-die-willensnation-auf-die-probe-stellte-ld.1556749.

Finde auch das, über die Anticorona corona-demo_zuerich_wie_mein_facebook-freund_zum_skeptiker_wurde.pdf

15. Mai 2020

Langsam muss ich mich fragen, was eigentlich der Grund ist, dass der Widerstand gegen den Kapitalismus so überhaupt nicht statt findet. Noch letztes Jahr hätte ich geschworen, in so einer Situation wie heute, wo er komplett desavouiert da steht, würden meine Freunde die Gelegenheit versuchen zu nutzen.

Ich merke davon nichts. Ich stelle folgende Formen des Widerstands fest:

  • es wird ein ökologischer Neustart verlangt, ohne aber über Forderungen wie „Kein Geld für Fluggesellschaften, die keine Öko-Konzessionen versprechen“, hinaus zu gehen.
  • das BGE taucht immer wieder auf
  • es wird ein zurück zu kleinen Einheiten propagiert, mit fast schon selbstversorgerischen Tendenzen
  • weniger Globalisierung, also weniger Abhängigkeit vom Ausland
  • mehr Investitionen in grüne Technologien
  • in meinem Umfeld äussert sich generell kaum jemand. Und die es tun fordern mehr Bio, weniger Fleischindustrie, weniger Importe, mehr lokale Produkte. Manchmal wird das explizit als politische Haltung heraus gestellt
  • ein wahrscheinlich eher exotischer Zweig sind die 4-Quadratmeter-Demonstranten, die sich für die bürgerlichen Freiheiten stark machen, welche durch die Notstandsmassnahmen eingeschränkt worden sind. Dies artet unterdessen zu einem bizarren Masochismus aus, wo man sich Tipps gibt, was man bei Identitätskontrollen oder gar Verhaftung tun kann, auf welche Rechte man bestehen kann, mit Muster von ganzen Dialogen mit „Monsieur l'agent“. Die zerlegen sich unterdessen selber, da keine politische Linie besteht, was dazu führt, dass alles und jedes dort jetzt diskutiert wird, von Impfen über 5G bis Aluhüten

Ich habe keinen Zweifel, dass ich mit meinen Interventionen auf Ablehnung, Indifferenz stosse oder für Verärgerung sorge, was ja nicht mein Ziel ist. Ich fühle mich wie Kassandra, man macht mich verantwortlich für die Botschaft.

Und so frage ich mich natürlich, wie es soweit kommen konnte.

Und dabei erkenne ich, dass die meisten meiner Freunde, die Aktiven also, in einem Alter sind, wo sie von der Welt noch wenig mitbekommen haben. Ein neuralgisches Datum wie der Irakkrieg 1991 habe sie gar nicht bewusst erlebt. Sie haben kein eigenes Erleben dieser Zeitenwende.

Sie sind in einer Welt aufgewachsen, wo alles selbstverständlich war. Wo man studieren kann ohne sich Gedanken über einen Arbeitsplatz danach machen zu müssen. Wenigstens erweckt die Wahl der Studienfächer diesen Eindruck. Dafür gibt es ja auch die Jobs in der ehemaligen Alternativszene, im Konzertbereich, in der Gastronomie. Immerhin wird uns heute ja vorgerechnet, wie viele Jobs in diesem Sektor durch Corona bzw. die Massnahmen gefährdet seien. Also muss auch jemand diese Jobs inne gehabt haben.

Dass es ab 35 nicht mehr so einfach ist, so unterzukommen, das merken sie wohl erst, wenn es zu spät ist. Entsprechende Postings lassen das vermuten.

Eine Welt, wo Fernreisen selbstverständlich sind. Wo die Probleme andere betreffen, für die man denn auch Solidarität entwickelt, die sich in Petitionen, Aktionen, Demonstrationen äussern. Der Erfolg dieser Aktionen allerdings ist ungewiss.

Eine Welt auch, wo Gender- und Minderheitenanliegen breite Zustimmung finden, wo Tausende dafür auf die Strasse gehen, wo die Freitagsdemonstrationen zum Selbstläufer geworden sind.

Eine Welt, wo Politik unkompliziert ist. Man wird gehört. Die Medien machen in noch nie gesehenem Ausmass mit. Kein Tag, wo diese Themen nicht in irgend einer Form am Radio behandelt werden.

Und jetzt kommt plötzlich dieser Zusammenbruch des Systems. Niemand weiss, wohin die Reise geht. Es gibt keinen gefühlsmässigen Konsens mehr. All das, was man bisher unter Politik verstanden hat, wird obsolet, sinnlos. Auch die so gut funktionierende Oekonomie der kleinen Läden, der Naturkost, der lokalen Produktion, der Backwaren vom Vortag, die Unverpackt-Läden, all das ergibt gegen den Zusammenbruch der Wirtschaft keinen Sinn.

Was also tun?

Ratlosigkeit auf breiter Ebene. Stille. Auffällige Stille. Ich kann mich an keine Äusserung entsinnen. Ausser die Fouls von Kurator Li, die ich ja schon an anderer Stelle beschrieben habe. Und daran, auf wie viel Zustimmung die gestossen sind.

Und dann, auf einen Schlag, zum Stichtag 4. Mai, Behandlung der Petition für einen Neustart ohne Rückkehr zum Alten, 50'000 Unterschriften, bilden sich Facebook-Gruppen mit sofort mehreren Tausend Mitgliedern. Als käme das einer Erlösung gleich.

Und das wird es auch sein. Es kann mit den hergebrachten Politikformen wieder operiert werden. Man kann wieder über nachhaltigen Konsum sich definieren. Man kann fröhliche Strassenaktionen machen. Auch wenn man alleine, zu zweit oder ein Dutzend nur ist. Es kommt das bekannte Gefühl auf.

Und die Rechte markiert während dem Punkte. Sie spricht von Lohnkürzungen, längeren Arbeitszeiten, Kürzungen der Pensionen, ohne dass ich dazu irgendwo eine Widerrede lese. Das war noch anders, als das Centre Patronal sich lächerlich machte mit einem Schreiben, wo davor gewarnt wurde, dass die Leute sich an den Zustand zu Hause gewöhnen könnten, wenn dieser länger andauere.

Von Kapitalismus, von unten und oben, von Klassen, von Bekämpfung des Kapitalismus, der vorher noch so wohlfeil kritisiert worden ist, lese ich kaum etwas.

Ich hoffe einfach, dass sich das bis im Herbst/Winter, wenn der wirtschaftliche Einbruch spürbar wird, ändert. Immerhin: Ich verstehe jetzt das zögerliche Verhalten, die gedämpfte Stimmung. Eine unerfreuliche Sache.

Ein Freund meint auch, das seien typische Symptome einer Belastungsstörung.

13. Mai 2020

Heute ist es einen Monat her, dass Magdalena Martullo-Blocher sich flächendeckend zu Wort gemeldet hat. Tote seien in Kauf zu nehmen, diese Schiene halt. Vorher war rundum Ruhe, wie Kaninchen im Scheinwerferlicht kamen mir die Freunde vor. Nur die schon älteren blieben nicht in Deckung, aber das sind halt in den sozialen Medien nur eine Minderheit.

Seither hat die Rechte das Heft in der Hand. Rundum wird arrondiert, sondiert, vorbereitet. Im Le Matin Dimanche gab etwa eine Arbeitgeberfunktionärin aufschreiträchtiges von sich: Sonntagsarbeit, Nachtarbeit, längere Arbeitszeiten, die Maschinen, die Instrastruktur muss besser ausgenutzt werden, um den Schaden durch Corona und Lockdown wieder gut zu machen!

Ich habe nirgends eine Reaktion gesehen, dabei war es ziemlich Martullo hoch zwei.

Dafür haben die politisch fluiden Hipster ihre Facebook bereinigt. Nicht nur hat Kurator Li seine schlimmsten, die eindeutig menschenverachtenden Ausfälle aus der Zeit vor dem Lockdown gelöscht. Auch Sophie Hunger, die ich ein paar mal angegriffen und verlinkt habe, hat ihre Unterstützung für das Frauenfestival in Aarau sang- und klanglos entfernt!

Opportunismus geht eben in alle Richtungen.

12. Mai 2020

Kaum ein Tag vergeht ohne soziale Grobheiten von oben. Heute können wir die grosse Wende verzeichnen.

Der Umwandlungssatz der Pensionskassen wird einmal mehr in Frage gestellt. In den Nachrichten gehört, eine Kommission im Parlament war's glaub's. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie ihre alten Forderungen an die Sozialwerke durchbringen werden. Weil die Bewegung hat ihre Schwäche jetzt 2 Monate lang gezeigt. Fast schon groteskt diese Demonstrationen innerhalb 4 Quadratmeter, folgerichtig eingeschlafen. Gespalten durch diffuse Forderungen, wo jedes Grüppchen sein Süppchen einbringen konnte. Ich bin ja dann ausgetreten, und ich hatte das Gefühl, meine Meinung war kein Randphänomen. Heute schnell nachgeschaut auf Tout Commence ! „Les gens sont antivax ici ?“ Diese Gruppe ist kaputt. Dabei hatte die am ersten Tag gleich so 2500 Mitglieder. Das Bedürfnis ist da, aber es ist so diffus

Wir waren ja auch zerrissen zwischen den Bedürfnissen unserer Freunde, die ihre prekären aber praktischen Jobs verlieren könnten, die ihre Gaststätten vor dem Konkurs sehen, und dem Widerstand gegen das kapitalistische System. Der Kampf war von vornherein belastet.

Und dann noch die Spaltereien der Political Fluids, der Kurator Li, der Sauglattisten. Fürchterlich.

Der Angriff auf die Renten wird kommen, das ist sonnenklar. Höheres AHV-Alter steht im Raum, kleinere Renten. Denn sie werden argumentieren, dass die AHV nicht gedacht war für Renten über 30 Jahre, sondern entsprechend der Lebenserwartung von 1947 für einige überschaubare Jahre.

Ich habe meine jüngeren Freunde in ihrem Pessimismus immer beruhigt, ich war mir sicher, die AHV kann nicht bekämpft werden. Aber unterdessen haben die Rechten so sehr an Definitionshohheit zurück gewonnen, dass es unbedingt jetzt einen Eintritt in die demokratischen Organisationen braucht. Ach, was schreibe ich da, das ist ein Tagebuch, keine Sammlung meiner Pamphlete…

Ich stelle fest, die U30 haben all die Jahre Politik als korrekt einkaufen, Zero Waste etc. begriffen, und sie sind darin gefangen. Es ist faktisch ein Rückzug ins Private.

Beängstigende Aussichten für die Zukunft.

11. Mai 2020

Heute zweite Etappe der Aufhebung der „Quarantäne“. Während ich mich die beiden letzte Tage mit einer Analyse der beiden letzten Monate gequält habe, lasse ich es für den Moment ruhen, aber in Wellen kommt es immer wieder hoch. Wenn zum Beispiel jetzt die Rückschauen auf die Zeit ab Januar gesendet und publiziert werden, merke ich, wie mich diese Erfahrung beschädigt, meine Weltsicht verändert hat.

Aber heute soll es ein kleiner Neubeginn sein. Ich glaube, seuchenmedizinisch ist das Problem jetzt eingegrenzt, es ist kontrollierbar geworden. In Facebook habe ich die Empfehlungen gepostet, auf die es sich jetzt reduziert, die aber zu 100% befolgt werden müssen.

Ausser man wolle unsere Gesellschaft verändern, hin zu einer Desolidarisierung, was sogar Freunden von mir nicht ganz ferne lag in ihrer finanziellen Not oder in ihrem wirren Widerspruchsgeist und ihrer vermeintlichen Rebellion, was ich als Sauglattismus nur noch bezeichne.


  • - Hände immer ganz gut mit Seife waschen, Finger, etc.
  • - Fingernägel kurz schneiden, dort ist Gefahr
  • - Gesicht nicht berühren
  • - Abstand halten 2 Meter
  • - Öffentliche Ort wissen es, sie desinfizieren die Oberflächen
  • - Du bist eventuell angesteckt? Bleib zu Hause

Und das bis Entwarnung. Wahrscheinlich: bis Impfstoff, ev. Medikament

Zweite Welle würde bedeuten, Ende Unterhaltungssektor, Ende Bars, Ende Beizen, Ende all diese Jobs, das ist bekannt und ernst.

Die Empfehlungen beachten und alles kommt gut. Dabei nie vergessen: Der Kapitalismus muss gezähmt werden, er lässt Flüchtlinge sterben, tötet weltweit, täglich, ungerührt von allen Petitionen! Organisiert euch in den Gewerkschaften und in Parteien, die in diesem Sinne arbeiten. Bisher ist es erst eine, leider. Die anderen wollen den ganz normalen Kapitalismus beibehalten, einfach in Grün. Das wird nicht funktionieren.


(ja, sauer stösst mir schon auf, dass ich schon vor der ersten Welle genau vor dem Effekt auf die Jobs unserer Freunde gewarnt habe…. Belächelt worden, der intellektuell Herausgeforderte Kurator Li liess sich noch zu Gröberem hinreissen, die selben, die bis zur letzten Kante gehen mussten, sind jetzt die, die jammern, als Political Fluids rechte Kapitalismuspropaganda teilen, Haaröl wo bist du ich muss dich seichen…)

Übers Wochenende allerdings hat es beim schönen Wetter ausgesehen als ob nichts wäre. Und die unglaublich strunzdummen Volldeppen, die meinen, sie müssten jetzt für Freiheit demonstrieren sind keiner Worte mehr wert.

8. Mai 2020

Was, schon der 8.? Was war denn gestern? Fällt mir grad nicht ein. Was war heute? Vor allem aus dieser Gruppe ausgestiegen, deren Name mir grad entfallen ist, die sich nach dem 4. Mai gebildet hat, was mit einem Neustart verbunden war. Sie hat sich immer mehr zur Spielwiese dubioser Postings entwickelt, heute habe ich reklamiert, das sei so nicht ausgemacht gewesen. Zwar Zustimmung, aber auch Widerspruch, der einfach einen Verbleib dort unmöglich macht, weil entweder dümmlich oder ausweichend: Es sei grad gut, debattiere man mehrere Ansichten. Wobei die hier geposteten Ansichten mit dem ursprünglichen Thema der Gruppe nicht immer zu tun hätten, das eingestanden. Aber das als positiv zu vermelden heisst nicht begreifen, dass eine themenbezogene Gruppe eine politische Kraft sein kann, hingegen eine in die Beliebigkeit abgedriftete nochmals das normale Facebook abbildet. Total sinnlos.

Also, entweder mit Drall argumentiert oder die blanke Ahnungslosigkeit bei grosser Meinungsstärke.

Sinnlos, da noch mit meinem Namen zu erscheinen.

6. Mai 2020

Und wieder steht das Personal des Gesundheitswesens im Mittelpunkt, aber nicht des öffentlichen, sondern meines Interesses. Ich verstehe das nicht, dass deren Qual so unterm Radar bleibt, obwohl zwischendurch wieder etwas aufscheint. Heute ein Artikel in republik.ch, eine Frau berichtet von unerträglichen Zuständen, ich will das jetzt nicht hier auch noch aufnehmen, das wird mir zu mastig. Die Klage ist ja bekannt. Doch sie bleibt relativ unbemerkt, unverstärkt. Es ist zum Heulen.

In den Nachrichten des westschweizer Radios wird von einer Studie, einer Erhebung des Zustandes des Pflegepersonals berichtet. Die Leute sind dem Zusammenbruch nahe. Die Studie ist vom vergangenen Jahr, Corona ist noch nicht berücksichtigt.

Ich bin irgendwie sprachlos. Weiss wirklich nicht weiter. Denn wenn das Unrecht so schreit und es nicht gehört wird, welche Hoffnung besteht dann noch?

Währenddem geht der stille Protest einiger Jungen auf den Plätzen weiter. Würden die sich doch bloss zusammen tun. Würden sie sich doch bloss organisieren, Gewerkschaften bieten sich an. Aber sie machen den Eindruck, es gehe vor allem um das Recht zu demonstrieren, ein bisschen ein Spiel mit der Polizei. Polizeieinsätze werden vermerkt, täglich postet jemand Hinweise auf die Rechte gegenüber der Polizei, falls man kontrolliert wird. Wenn ich die Gruppenbeschreibung vom Anfang lese, ist da die Rede von „neue Welt aufbauen“, in der Praxis werden jetzt triumphierend Arrestzellen bei der Polizei beschrieben.

Und jetzt läuft es grad aus dem Ruder. Non au vaccin. Ce sont tous de vieux… So kommt's wenn man eine Gruppe mit vagen Zielen aufbaut und auf Wohlfühl macht. Noch ein Klick weiter, und ein Abgrund tut sich auf.

Ein Video, ohne Worte, wenn die das zulassen… Sie werden offensichtlich grad unterwandert. Oh halt, das liken ja Freunde. Strange. Affaire à suivre.

Am gleichen Tag eine Umfrage bei Arbeitgebern, die katastrophale Aussichten bietet, Entlassungen vor allem in den Branchen Unterhaltung, Tourismus, Gastronomie - ausgerechnet dort, wo mein ganzes Milieu, mit wenigen Ausnahmen, beschäftigt ist. Aber man muss kein grossartiger Prophet sein um zu wissen, das ist natürlich der Bereich, der am ehesten unter die Räder kommt, falls es wirklich eng wird. Denn die Querbezüge, die Verflechtungen mit der Gesamtwirtschaft sind zu gross, wenn sie hustet, kann das schlimme Auswirkungen haben.

Bleibt also nur der Optimismus, wenn man auf den Kampf verzichten muss.

Dieser hat heute seinen Durchbruch gefeiert. Schönes Wetter, draussen ein Betrieb als ob nichts wäre.

5. Mai 2020

Es erfasst mich ein beängstigendes Gefühl: Gestern war ein entscheidender Tag, und es war kein guter Tag. Zum ersten Mal taucht die Frauenfrage wieder prominent auf, und sie taucht in einem ausschliesslich schlechten Zusammenhang wieder auf. Sophie Hunger meint, Frauen müssen jetzt lenken, weil sie es besser machen. Und lässt sich vor den Karren der Bürgerlichen spannen, ich habe es beschrieben. Sie ist ja selber eine. Das wird den Widerstand gegen eine Rückkehr zur Normalität spalten, denn gewinnen tut immer der, der zuerst „aber die Frauen“ schreit.

Und die Jugend ist in den Widerstand gegangen. Die Eingabe der 40'000 Internetpetitionisten, bei wohl so 3 Millionen Stimmberechtigten objektiv gesehen halt nicht grad viel, wurde durch eine Art Sitzdemonstration am Mittag um 12:00 begleitet. Auf dem Zentralplatz in Biel waren 11 meiner Freunde dabei… in der ganzen Schweiz diese Grüppchen, dazu Lärm auf den Balkonen, hier jedenfalls war davon nichts zu hören. Die Klimajugend meldet sich auch zurück. Mit einem Satirevideo. Weil die Fluggesellschaften jetzt unterstützt werden. Der Entscheid hat sich seit Wochen angekündigt, er ist gestern gefallen. Ich habe das kommentiert, sie kämen ein bisschen spät, wir würden seit 6 Wochen auf sie warten. Warum mache ich das überhaupt, mich so gegen den zurück kehrenden Konsens zu exponieren?

Das Video ist von einer beängstigenden politischen Armut. Propagiert natürlich einen Grünen Kapitalismus, wie es sich schon mit der Stellungnahme von Klimastreik Deutschland Mitte April angekündigt hat.

Das Satire-Video sollte hier zu finden sein

Es werden nun eifrig Fotos von dem Sitzstreik gesammelt und gepostet.

Ich habe mein Corona-Tagebuch geglättet, allzu Privates rausgenommen. Warum soll ich meinen Kopf hinhalten, jetzt, wo alles wieder in den politischen Normalbetrieb zurückzukehren scheint? Alte Reflexe, aber die Situation ist neu, sie bleibt es.

Und wir zelebrieren wieder unsere Machtlosigkeit, das scheint einfacher, als den Sprung zu wagen, dem Kapitalismus von vorher endlich Adieu zu sagen. Was für andere ein Aufbruch ist, ist für mich Resignation, Mutlosigkeit.

Ich kümmere mich jetzt lieber um unser Album.

4. Mai 2020

Die Popmusikerin Sophie Hunger ruft zu einer Veranstaltung in zwei Tagen im Aargau auf. Mit folgenden Worten:

„Die Musik ruht, ich stelle mir Fragen: Wer leistet gerade am meisten? Wer davon ist sichtbar? Wer ergreift die Macht? Wer geht leer aus? Wer sitzt am Steuer und wer wird gesteuert? Es ist Zeit, dass Frauen nicht nur den Karren aus dem Dreck ziehen sondern ihn auch fahren. Wir brauchen eine reale Repräsentation in den politischen Ämtern! Jetzt mehr denn je. Seit bitte am Mittwoch 6. Mai um 20:30 Uhr dabei wenn die neue Bewegung @helvetiaruft ihre Kampagne lanciert. Linkt Euch ein, unterstützen wir einander, wir brauchen uns, Datenight! Im Aargau gehts los. Bis übermorgen, gäu?😘 @fcaarau @ Aargau“

Der Link zum FC Aarau funktioniert nicht, es ist gar keiner. Es war ihr auch Wurst, es ging offenkundig um Street Credibility, die der Diplomatentochter aus guten Haus zwar fehlt, der sie aber schon seit längerer Zeit hinterher rennt. Ich denke an das Video, wo sie mit Stögelischuhen Fussball spielt. Das ist so durchsichtig: Böses Mädchen. So „Osé“. Für die Leute, die mit dem farbigen Pullöverchen über die Schulter ins Open Air Kino gehen. In Lyss. Oder Nidau.

Dann stösst mir sauer auf, dass sie sich erst jetzt zu Wort meldet, wohl an die zwei Monate nach Ausbruch der Krise. Ihr letztes Posting vorher war noch Werbung für einen Song, am 6. März, wo natürlich noch nicht abzusehen war, dass das Konzertjahr 2020 kaputt ist. Kommt sie halt jetzt mit Frauenpolitik. Ein Selbstläufer in der Schweiz.

Leider in einem furchtbaren Umfeld. Schirmherrin ist die Mehrfachverwaltungsrätin Doris Leuthard, 200'000 Entschädigung pro Jahr. CVP. Die Partei der eisernen Lady Ruth Humbel, um zum wiederholten Male auf diese zurück zu kommen, ihr Sündenregister auszurollen. Laut parlament.ch hat diese eine zentrale Funktion in der schweizerischen Gesundheitspolitik.

„Co-Präsidentin der Parlamentarischen Gruppe Gesundheitspolitik der Bundesversammlung; Co-Präsidentin der Parlamentarischen Gruppe BVG; Co-Präsidentin der Parlamentarischen Gruppe nichtübertragbare Krankheiten NCD; Co-Präsidentin der Parlamentarischen Gruppe Kinder- und Jugendmedizin “

Dann ist sie beruflich auch sehr erfolgreich im Gesundheitswesen, man könnte von einer Lobbyisting sprechen. Bezahlter Verwaltungs- oder Stiftungsrat bei Concordia Kranken- und Unfallversicherung, zwei Privatkliniken, mehreren Stiftungen des Gesundheitswesens. Als es letzte Woche darum ging, dem krass unterbezahlten Personal des Gesundheitswesens lohnmässig entgegen zu kommen, lehnte sie das ohne Umschweife ab.

https://www.parlament.ch/de/biografie/ruth-humbel/1071

Wenn wir schon bei den Frauen sind, die angeblich so am Rande stehen: Am Vorabend hören wir die Nationalräting Jacqueline De Quattro, Freisinn. Es geht um die Petition für einen nachhaltigen Neustart nach Corona, 40'000 Unterschriften. Sie meinte sinngemäss, alle hätten gerne einen blauen Himmel, Vögelein die pfeifen, aber die Wirtschaft müsse weitergehen. Sie hat sich ziemlich aufgeregt über das Ansinnen, den Flugverkehr einzuschränken, schliesslich seien die so dringend benötigten Masken auch mit dem Flieger gekommen.

Vielleicht höre ich es mir nochmals an, um es genau wieder zu geben. Hier: https://www.rts.ch/play/radio/forum/audio/petition-appel-du-4-mai-reaction-de-julie-gilbert?id=11275847

Das sind die Frauen, die das kaputte Spitalwesen mit verantworten, die miese Bezahlung des Personals. Wer fällt denn auf sowas noch rein? Wir werden es sehen, am Donnerstag. Am Treffen der privilegierten Frauen.

Kurz, es ist eine pure Taktik der Bürgerlichen, Frauen in den Vordergrund zu stellen, die dann aber sich in keiner Weise von rechten Männern unterscheiden. Die Trennung ist immer noch zwischen links und rechts, zwischen oben und unten. Nicht zwischen Mann und Frau. Und je eher wir damit abfahren, desto grösser die Erfolgsaussichten.

Am Mittag 12:00 Uhr waren übrigens Sit-ins oder Demos in der ganzen Schweiz angesagt, Lärm auf dem Balkon sollte man machen, um die 40'000 zu unterstützen. Ich weiss nicht, ob das jemand realisiert hat, aber die 11 Personen auf dem Zentralplatz in Biel waren eher ein Zeichen der Schwäche, eine Einladung an die Bürgerlichen mit ihrer Rampen* Martullo-Blocher noch einen drauf zu setzen.

Was um alles in der Welt verursacht ein dermassen selbstdestruktives Verhalten? Nach wochenlangem Schweigen mit solch einem Pfupf in die Welt der Politik eintreten zu wollen. Aber vielleicht ist das ja auch Taktik. Und über die Wochen wird es was?

Ah bah, ich mache mir jetzt einen schönen Abend mit New Order.

3. Mai 2020

Diskussion um die Wiedereröffnung der Klubs. Wieder die Argumente mit dem Arbeitsplatz, mit den drohenden Konkursen auch. Es ist richtig, dass das droht. Es wäre falsch zu glauben, dass das das absolute Kriterium ist, die Situation zu beurteilen. Es wurde schon genug gesagt von Sibylle Berg, Robert Misnik und ganz vielen anderen: Die Gefahr für Leib und Leben anderer zu relativieren ist ein Bruch mit unserer Kultur.

Dieser Einwand ist für die Betroffenen fast unmöglich zu akzeptieren. Wer würde das nicht verstehen, nicht mitfühlen, nicht auch alles unternehmen wollen, um den Zusammenbruch abzuwenden?

Fragezeichen: Aber ist es falsch zu sagen, dies sei die noch nie dagewesene Gelegenheit, den Kapitalismus in seine Schranken zu weisen, ihn so zu beschränken wie noch nie, ihm sein tägliches Töten zu verunmöglichen, indem man ihm die Mittel entzieht? Wo ist Jean Ziegler? Nachher grad mal nachschauen….

Was auf dem Spiel steht

Im Raum steht ein Leben mit dem Virus, so wie es sich jetzt abzeichnet, mit den zwei Metern Distanz, bis eine Impfung da ist. Das ist ja auch der entscheidendste Unterschied zur Grippe etwa, die angeblich noch mehr Menschen töten soll: Gegen die kann man sich wehren, es gibt eine Impfung. Ach, fruchtlos, das gehört jetzt nicht hierher.

Können Klubs, Bars, Restaurants, Galerien, Treffpunkte das überleben? Und wenn nicht? Dann haben Tausende meiner Freunde ihre Jobs verloren. Wie um alles in der Welt kann ich das nicht vehement ablehnen, die paar Alten sollen halt (hier einsetzen was passt, ich betreibe keine Strohmannargumentation)… etwas muss man für sie, die sogenannte „Risikogeneration“, auf jeden Fall vorsehen. Und für die Kranken, Gebrechlichen, Vorbelasteten. Das Pflegepersonal wurde dazu noch nicht befragt, so viel ich sehe. Egal. Es kann keine Option sein, die fallen zu lassen, wenn man eine menschliche Gesellschaft bleiben will.

Das war ein bisschen kompliziert formuliert, im Satz herum geeiert, um zu sagen: Kein Klub der Welt ist das Leben von Menschen wert. Oder etwas in der Richtung. Kein Arbeitsplatz der Welt wiegt ein Menschenleben auf. In der genau gleichen Richtung.

Wer damit Probleme hat, soll es jetzt sagen. In den Kommentaren, da draussen.

Bruder Bernhard hat da ein Konzept, mal schauen, ob er damit heraus rückt.

Wenn Grossvater erzählt

Als 20jähriger bin ich als absoluter Gefühlskommunnist und gewaltfreier Militärdienstverweigerer zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Love & Peace. Ich rede nicht gerne von früher, aber heute muss ich. Unbedingt sogar. Denn ich habe erlebt, was jetzt meinen Freunden droht.

Das Gefängnis Witzwil war militärisch durchorganisiert, Oberst Loosli hoch zu Ross, ein eindeutiges Statement, was dich hier erwartet. Ein paar Mörder waren dort, die Gefängnisaristokratie. Lebenslänglich alle. Harmlose Familienväter, die ihre Frau ermordet hatten. Ungefährlich. Respektiert. Ihre Geschichten wurden rumerzählt. Raunend, ganz ohne Vorwurf auch. Viele adminstrativ Verwahrte, arme Teufel, die vom Vormund eingewiesen worden waren. Entlassungsdatum unbekannt. Das hing vom Vormund ab. Leute, die im Dorf aneckten. Tranken. Die Rechnungen nicht zahlten. Vielleicht auch einfach unabhängig waren, nach heutigen Kriterien. Dann Engelmacher und Zuhälter. Und endlich die Militärdienstverweigerer, wir waren damals drei. Wir waren der Abschaum, die unterste Stufe. Stopp, Korrektur: Zweitunterste. Die unterste waren die mit den Kindli. Mich haben sie speziell heraus gepickt. Keine Ahnung, warum, ich war klein, still, gewaltfrei. Das muss vor allem die Zuhälter provoziert haben. Ich arbeitete in der Küche, mit den Zuhältern, mit einem Engelmacher. Die unglaublich schmutzige stinkende Häme des Engelmachers war noch zu ertragen. Aber die Zuhälter haben mich in jedem unbeobachteten Moment provoziert, bedroht, eingeschüchtert. „Jetzt wehr dich doch!“ Ich war verzweifelt, schrieb täglich Briefe an meine Freundin.

Was ich nicht wusste: Der Briefverkehr wurde lückenlos überwacht, ein- wie ausgehende Post genau gelesen. Und einer der Überwacher war mein Primarlehrer aus der zweiten Klasse. Der bot mir an, mich da rauszuholen. Ich habe das angenommen. Und arbeitete künftig im Büro, weg von der Bedrohung.

Ich bin eingeknickt vor der Gewalt. Habe mich auf eine Zusammenarbeit mit dem Staat, der Autorität, dem Gegner eingelassen, weil ich Angst hatte.

Nach der Entlassung war ich dann zwei Jahre depressiv. Das Bild von dieser Zeit ist dominiert von der Erinnerung, am Montag morgen allein im düsteren Zimmer zu warten, bis ich um 14 Uhr zur Arbeit in der Buchhandlung gehen konnte. Allein sein war unerträglich, grau. Und ich wusste nicht, was mit mir los war.

Wie ich da raus gekommen bin? Durch ein Buch, Neurose und Klassenkampf von Michael Schneider. Wo ich erkannte, meine Depression hatte politische Ursachen. Danach war die Gewaltfreiheit nur noch Erinnerung, von da an war ich Marxist, fand es gut, wenn die Roten Garden den Kulaken die Köpfe einschlugen, wenn Pol Pot in Kambodscha die Ausbeuterklasse besiegte, so die Propaganda. Wenn Regimekritiker in der UdSSR, in der DDR, in Kuba eingekerkert wurden. Solschenizyn war der Feind, ein Schwein, ein Unberührbarer.

Das legte sich dann ein wenig mit der Zeit, und in den 80er Jahren war ich nur noch postmarxistischer Kommunist, ein bisschen wieder Gefühlskommunist, mit harten Kanten diesmal, antiautoritär in allererster Linie.

Warum ich das erzähle

Als Berufsjugendlicher ist es für mich nicht einfach, über so weit zurück liegende Vergangenheit zu reden, es hat etwas Hilfloses, auch Verknöchtertes. Es ist so etwas wie die letzte Waffe, die mir bleibt: Mein Wissen um Geschichte. Und heute glaube ich zu wissen: Wir stehen an einem ganz entscheidenden Punkt unserer Geschichte. Es wird weltweite Auswirkungen haben, wie wir uns entscheiden. Nur noch vergleichbar mit den Entscheidungen, die die Menschen in den 30er Jahren treffen mussten. Und offensichtlich haben sie versagt. Man muss das ehrlich sagen. Die Gründe sind vielfältig. Einer davon ist, dass sie untereinander zu zerstritten waren, um den Gegner noch wahrzunehmen. Ein anderer ist die nackte Existenzangst angesichts von Armut und Arbeitslosigkeit.

Entschuldigt das, was nachher passiert ist? Das muss heute jeder für sich beantworten. Darum gebe ich zu, ich habe an einem entscheidenden Punkt in meinem Leben versagt. Und es hat mich lange gequält, nur durch Glück bin ich der Qual entkommen, durch einen Zufallsfund, ein Buch.

So. Diese Qual droht. Job eventuell behalten, vielleicht vielleicht sichern, Kapitalismus retten, mit den Rechten sich einigermassen einigen, investieren in einen grünen Kapitalismus. Einiges dafür aufgeben. Dazu gehören auch die Flüchtlinge, ich sage das immer und immer wieder, damit mache ich mich unbeliebt. Trotzdem: Es wird weniger Geld zur Verfügung stehen, die Leute werden immer weniger Verständnis aufbringen…

Das Perfide ist noch, dass man sich vielleicht schon bald für etwas entscheiden muss, ohne zu wissen, ob man dann seine Situation auch gesichert hat. Da sind noch ganz andere Unbekannte im Spiel, nicht zuletzt die Nachfrage. Der Nachschub, die Verfügbarkeit der nötigen Produkte. Beginnt man entlang dieser Linie erst zu überlegen, muss man sich fragen, ob der Streit heute nicht eigentlich einer um des Kaisers Bart ist. Sinnlos. Ein Wahn, im Wortsinne.

Ich weiss es nicht.

Die alternative Szene

Die Ironie der Geschichte ist, dass die Jobs, die jetzt auf dem Spiel stehen, die in der Kultur- und Gastroszene, von uns geschaffen worden sind. Erste Versuche mit Selbstverwaltung gab es in den 70ern, in den 80ern wurde es zur breiten Bewegung, die sich zu vernetzen, zu organisieren begann, und heute ist sie ein echter Wirtschaftsfaktor.

Muss man das jetzt wieder aufgeben? Was soll man bloss sagen? Ab hier wird es spekulativ. Ich muss da noch mehr rausfinden. Fakt ist aber, dass es nicht ausgeschlossen ist, wenn man wirklich glaubt, dass auf der anderen Seite der Humanismus bedroht ist. Es ist eine Errungenschaft dank günstiger Rahmenbedingungen. Dank der Arbeit einiger Pioniere, Pionierinnen, mit Verlaub, das nehme ich für uns in Anspruch. Denn andere haben in dieser Zeit Karriere gemacht, Kohle, die Umwelt versaut. Heute gibt es dank uns Militärdienstverweigerern, die eine bürgerliche Existenz geopfert haben ohne zu wissen, was das bedeutet, sogar Bürojobs bei militärfeindlichen NGO. „Alternative“ Jobs, die besser bezahlt sind als wir das jemals waren… Ein ganz komisches Gefühl in dieser Situation jetzt. Und sehr unangenehm, das überhaupt zu denken. Auch, weil das garantiert falsch verstanden wird. Aber es geht mir um das Paradoxe der Situation. Ein Schranz im Leben.

Denn ich empfinde die Ausgrenzung, die grad statt findet, Ausgrenzung als Quantité Négligeable. Als statistische Grösse. „Aber doch nicht du, Hotcha…“. Ja, kaum kriegen die Dinge ein Gesicht, sieht es sofort anders aus. Unter der Bedingung, dass das Gesicht immer schön lieblich lächelt.

Lächel Lächel Lächel Lächel.

Unabhängig davon, eine Beobachtung für das Tagebuch

„Bitte nämet nech churz zit dä brief ganz und sorgfäutig dürezläse.es geit drum wärtvoui wärte z beschütze wie d meinigsfreiheit, selbstbestimmig, gsundheit, grächtigkeit u persönlechkeitsschutz. I wünsche nech aune e gueti gsundheit, sit solidarisch u hiufsbereit zu eune mitmönsche, sit wachsam u hingerfraget aues. LOVE & PEACE“

… das verbunden mit einem Aufruf, eine Petition zu unterzeichnen, die all die sattsam bekannten Zahlenspiele im weltweiten Massstab bringt, das Ziel ist klar, 'es ist ja alles gar nicht so schlimm, es sind ja gar nicht so viele gestorben wie man uns vor Beginn der Massnahmen angekündigt hat'… Unter anderem wird sich auf Trump bezogen: „Der amerikanische Präsident Donald Trump, im Einvernehmen mit Surgeon General Jerome Adams, hat auch beschlossen, auf computergestützte Vorhersagemodelle zu verzichten und reale Daten zu verwenden[7].

Dies scheint also keine allzu seltsame Strategie zu sein.“

Love & Peace, anyone?

Aber es besteht Hoffnung: Unterzeichner: 1. Sie, die es geteilt hat. Bitte bitte lass es nicht mehr werden.

Love & Peace.

2. Mai 2020

Heute habe ich mich gefragt, woher ich eigentlich diesen Frust über die schweigsamen Künstler nehme? Wie komme ich darauf, ihnen ihr Schweigen vorzuwerfen?

Hirschhorn

Hirschhorn vor allem stösst mir auf, denn er ist in meinem Hirn als der antikapitalistische Künstler der Schweiz eingefräst. Dies vor allem wegen seinem damaligen Schweiz-Boykott, das irgendwas mit Blocher oder SVP zu tun hatte. Ich mag das jetzt gar nicht genau ausrecherchieren, es steht ja alles im Netz. Unter dem Vorwand, er sei ein Nestbeschmutzer, wurde doch auch eine Budgetkürzung bei der Pro Helvetia angedroht oder vollzogen. Wie gesagt, es steht im Netz.

Aber sonst? Wie komme ich darauf, er sei sowas wie ein Arbeiterverräter, indem er heute seit Wochen schweigt, sich in seinem Atelier in Paris in Quarantäne begeben hat, von dort aus Youtube-Filme hinauflädt. Er macht ein Mindmap über Simone Weil, was bei ihm natürlich nicht Mindmap heisst. Sein vierter Film behandelt das Thema Künstler und Politik.

https://youtu.be/d0RTUA8WHv4

Ich fand es ein wenig dünn. Nicht befriedigend. Andrerseits hat er einen klaren Standpunkt. Er ist kein Politiker.

"Hirschhorn Kapitalismus"

Und so gebe ich in Google mal „Hirschhorn Kapitalismus“ ein.

Der erste Treffer: „Die Robert Walser-Sculpture reiht sich ein in Projekte wie das 2013 in der Bronx, New York realisierte Gramsci-Monument, das sich auf den marxistischen Philosophen Antonio Gramsci bezog. “ https://www.srf.ch/kultur/kunst/kunstprojekt-in-biel-thomas-hirschhorn-der-antiheld-als-vorbild

Der nächste dann ist ein dicker Hund. So brutal würde nicht mal ich schreiben. Gut, wohl doch. Aber ich exponiere mich ja auch. Zum ersten Auftreten Hirschhorns in der breiten Öffentlichkeit das: „Unvergessen ist der in Hundemanier ein Konterfei des damaligen Schweizer Justizministers Christoph Blocher anpinkelnde Schauspieler im Rahmen von Hirschhorns Ausstellung ‹Swiss-Swiss Democracy› im Pariser Centre Culturel Suisse, 2004.“ Geht noch. Aber dann! „ein überdimensionales, begehbares Panorama, in dem der Künstler die Verwandlung von Davos - wo er aufgewachsen ist - vom beliebten Bündner Kurort zu einer Hochsicherheitszone im Belagerungszustand darstellt. [….] Gleichzeitig wird das Tal von Helikoptern, Panzern und Spielzeugsoldaten in Kampfanzügen eingekesselt und ist mit Stacheldraht umzäunt. Hirschhorn zeigt hier, dass die Welt in den Tagen des WEF ein Gesicht bekommt. Dieses ist geprägt von Machtballung, unbegrenzter Kapitalakkumulation und den ausbeuterischen Strategien des Katastrophen-Kapitalismus. Als adäquates, symbolisch aufgeladenes Ausdrucksmittel dienen dem Künstler die billigen Verpackungsmaterialien der Konsumgüterindustrie. Ihre Ästhetik suggeriert, dass die Werke aus der Aktualität heraus geschaffen sind und darüber hinaus weisen - was hier grossartig gelungen ist.“ Das ist ein deutliches Bekenntnis gegen den Kapitalismus. Allerdings nicht aus seiner Feder. Schreibt er überhaupt. Es stammt von Frau Dr. phil. I Dominique von Burg.

Über „Das Bernsteinzimmer“: „In seiner neuen, vielteiligen Arbeit setzt sich der Künstler mit den Themen von Krieg und Gewalt, Schönheit, Mode und Moral auseinander. Verbunden sind diese, auf den ersten Blick so gegensätzlichen Bereiche, durch die Anmaßungen und brutalen Eingriffe eines allgegenwärtigen, fast allmächtigen Kapitalismus.“ https://www.kunstforum.de/artikel/thomas-hirschhorn-3/

Es scheint, dass Hirschhorn sich immer als „nur Künstler“ bezeichnet, dass aber die Kulturjournalisten krampfhaft ihn mit Antikapitalismus in Verbindung bringen müssen. Seit Jahren. https://medienwatch.wordpress.com/hirschhorn-aufbegehren-gegen-die-begierden-des-kapitalismus/. Er hält sich da raus. Soll ich ihm jetzt einen Vorwurf machen? Es erscheint mir komisch, dass jemand mit seiner Kunst diese Ressentiments bedient, ohne selber richtig Stellung zu beziehen.

Kuratorentalk

Mein allgemeiner Frust über die in der Krise schweigsame Kunst kommt daher, dass diese antikapitalistischen Schlenker zum täglichen Brot gehören. Wie oft habe ich mich schon über den sogenannten „Kuratorentalk“ amüsiert, die zwangshaft immer einen Link zum Klassenkampf ins Zentrum stellen müssen, allerding einem, der weit weg ist, zeitlich oder räumlich. Die Krise zeigt zumindest klar auf, dass da nichts dahinter war. Das war Dossierfutter, Pflichtübung, um an den Subventionstopf zu kommen.

Und da soll ich nicht sauer werden?

corona-tagebuch.txt · Zuletzt geändert: 2020/07/30 05:06 von hotcha